RAHMENVISIONEN

Andreas Kossmann Fotografie

Kanada 2016: Tag 12 – Wapiti Action

An diesem  Morgen stand erstmal Dumpen auf dem Programm. Das Prozedere dauerte nur ca. 10 Minuten, ehe wir dann mit unserem Camper den nahegelegenen Lake Beauvert ansteuerten. So früh am Morgen war der See von einer grandiosen Stille umgeben. Etwas kühl war es noch aber mit der entsprechenden Kleidung ist das ja alles kein Hindernis. Wir brauchten vom Parkplatz nur ein paar Schritte bis zum Ufer und schon wenige Minuten später waren die ersten Bilder im Kasten.

Entgegen dem Uhrzeigersinn starteten wir die Runde um den See. Kurze Zeit später entdeckten wir einen Loon, der im Wasser einsam seine Kreise zog und gelegentlich zu einem Tauchgang ansetzte. Er war leider ziemlich weit entfernt, so dass ich selbst mit dem großen Tele nicht viel ausrichten konnte. Und er machte leider auch keine Anstalten etwas näher zum Ufer zu schwimmen oder seinen unvergleichglichen Ruf anzustimmen. Schade.
Viel besser lief es dann wenig später, als wir bemerkten, dass unsere kleinen Squirrel-Freunde wieder eifrig in den Bäumen und am Waldboden unterwegs waren. Heute waren sie besonders zutraulich und so konnte ich einige schöne Portraits schießen. Auf der Hälfte der Strecke kamen wir an der Anlage der Fairmont Jasper Park Lodge vorbei. Eine tolle Location direkt am See gelegen mit einem großen Haupthaus und vielen kleineren Lodges, die man mit dem nötigen Kleingeld anmieten kann. Am Ende kam eine sehr schöne 5km-Runde zusammen und die machte dann auch ein wenig Hunger. Es wurde also Zeit für einen kleinen Snack, so dass wir anschließend direkt Jasper ansteuerten.

In einer kleinen Bäckerei gönnten wir uns einen Kaffee und ein ziemlich leckeres Zimtteilchen. Danach schlenderten wir ein wenig umher und stießen dann im hinteren Teil der Stadt auf einen Wegweser, der auf einen Rundkurs um Jasper hinwies. Da ließen wir uns natürlich nicht 2x bitten und nahmen den Kurs in Angriff. Der Weg schlängelte sich vorbei an Wohngebieten und dann weiter durch offenen Wald entlang der Bahnstrecke zurück Richtung Bahnhof. Eine schöne abwechslungsreiche Runde. Zurück am geparkten Camper mussten wir dann noch einen Abstecher im örtlichen Supermarkt und an der Tankstelle gegenüber einlegen. Bevor wir den Weg zurück zum Campground einschlugen, fuhren wir noch einen kurzen Schlenker zum bereits am Vortag besuchten Patricia Lake. Ein kurzer Fotostopp musste hier an Ort und Stelle nochmal sein. Zurück am Campground nahm der bis dahin ruhige Tag dann gehörig Fahrt auf.

Wir wollten uns nach dem Essen noch ein wenig die Beine vertreten. Ich musste zuvor nochmal ins Waschhaus. Als ich zurückkam sah ich schon, dass einige Camper mit Kameras bewaffnet in eine Richtung unterwegs waren. Dani kam aufgeregt auf mich zu und fragte, wo ich denn wieder meine Kamera hätte. Ja, nicht dabei natürlich. Es wurden Wapitis auf dem Campingplatz gesichtet. Der Campground machte somit seinem Namen alle Ehre. Also nix wie rein in den Camper, das große Tele drangeschraubt und wieder raus. Die Tiere hatten es sich auf dem nahegelegenen Spielplatz gemütlich gemacht. Da jetzt aber bereits viele Leute darauf aufmerksam wurden hatte sich schon eine ordentliche Zahl Schaulustiger versammelt. Als ich mit meiner Kamera angehechtet kam, konnte ich nur noch mit ansehen, wie der Bulle seine Herde in den angrenzenden Wald scheuchte. Na super! Der Massenauflauf war ihm wohl zuviel geworden. Wir verfolgten mit Blicken seinen Weg und stellten schnell fest, dass er seine Herde nicht weit vorantrieb. Die Tiere verweilten also zwischen den ersten Bäumen. Wir beobachteten Sie aus sicherer Entfernung und ich bekam auch die ein oder andere Lücke, um ein paar Fotos zu schießen. Mit diesen Bullen, zudem noch in der Brunft (wir hatten die Warnschilder am Eingang gelesen) ist nicht zu spaßen. Daher wollten wir ihm oder seinen Mädels auf keinen Fall zu nahe kommen. Dies sahen andere Gäste nicht so und rückten den Tieren ziemlich auf die Pelle, um Fotos zu schießen. Daraufhin entwickelte sich eine gewisse Unruhe in der Herde. Der Bulle fing an mit seinem Geweih wie wild den Boden umzugraben und die Kühe rannten teilweise querbet umher. Sie gallopierten dabei auch in unsere Richtung und uns wurde schnell bewusst, dass man auch gegen eine aufgebrachte Wapiti-Kuh wenig Chancen haben würde. Also… Abstand halten. Der Bulle trieb seine Mädels weiter entlang des Campgrounds in den Wald. Bis er sich dann dazu entschied, selber einen Abstecher auf den Campground zu machen. Wahrscheinlich wollte er den aufdringlichen Menschen mal zeigen, wer hier Chef ist. Die Leute setzten dann natürlich zum Rückzug an. Der Bulle verweilte auf der Durchgangsstraße. Eine Frau mit Kompaktknipse war besonders mutig und stieg aus dem Auto, um das Tier zu fotografieren. Ein kurzes Zucken seinerseits und sie flüchtete wieder ins Fahrzeug. Meine Güte… Leute gibbet! Danach trottete der Wapiti-Boss wieder zurück in das Waldstück. Als ich ihm so nachsah, bemerkte ich einen Mann, der in genau diesem Waldstück unterwegs war. Er war unübersehbar Fotograf, der es auf eben diese Wildtiere abgesehen hatte. Mit großem Gerät, also Objektiv und Einbeinstativ, kämpfte er sich durch’s Unterholz. Nun gut, endweder lebensmüde oder verdammt routiniert im Umgang mit diesen Tieren. Ich blieb lieber auf Abstand als meine Gesundheit oder gar mein Leben für ein Foto zu riskieren. Irgendwann war der Bulle dann nicht mehr zu sehen. Und es kehrte Ruhe ein auf dem Platz. Die Leute verschwanden wieder in ihren Campern oder zeigten sich gegenseitig erst mal die Bildtrophäen auf ihren Kameradisplays.

Wir entschlossen uns noch ein paar Meter zu machen und schlenderten vom Platz aus Richtung Campgroundeinfahrt. Auf dem Weg zum Eingang begeneten wir auf halber Strecke auf einmal dem Fotografen aus dem Wald. Er stand am Wegesrand im Gebüsch und beobachtete die Umgebung. Ich nutze die Gelegenheit und sprach ihn an. Er war Kanadier, sehr symphatisch und erklärte uns kurz, dass er den Bullen am Ende einer Lichtung vermutete. Eine seiner Kühe müsste hier auch noch in der Gegend rumspringen. Nun gut, wir sahen nichts. Dann konzentrierte er sich wieder auf die Lichtung, die zur Straße hin nur durch eine dünne Baumreihe abgegrenzt war. Wir riskierten einen Blick durch die Bäume. Mmmh, irgendwie war alles ruhig. Nichst zu sehen. Doch! Da! Der Bulle kam mit großen Schritten über die Lichtung und steuerte auf den Fotografen zu. Unweigerlich kam er als auch in unsere Richtung. Rückzug! Wir hatten keine Lust auf eine Konfrontation mit den 500kg-Lebendgewicht. Schnellen Schrittes lief ich die Straße zurück. Sekunden später bemerkte ich, dass Dani genau die andere Richtung eingeschlagen hatte und weiter Richtung Eingang unterwegs war. Als ich mich zu ihr umdrehte und sie rief, stand auf einmal diese Wapiti-Kuh fast neben ihr und meine Frau somit zwischen der Kuh und dem Bullen. Keine gute Idee! „Andere Richtung!“, rief ich ihr zu und deute ihr hektisch an, dass sie zu mir kommen sollte. Sie drehte und sprintete zu mir. Nur Augenblicke später hechtete der Bulle durch die Baumreihe und stand bei seiner Kuh auf der Straße. Das war knapp! Wir legten im Sprint noch ein paar Meter zurück, um weiter Abstand zu gewinnen. Alle paar Sekunden drehte ich mich um, um sicher zu gehen, dass er uns nicht verfolgen würde. Aber das tat er nicht. Puh! Durchschnaufen. Was war eigentlich mit dem Fotografen? Wir sahen ihn nicht mehr. Der Bulle muss ja genau an ihm vorbeigelaufen sein. Die beiden Wapitis trotteten derweil auf den angrenzenden Highway zu. Ganz in der Nähe standen auch noch zwei Wanderer, die respektvoll abwarteten, was passierte. Gott sei Dank nicht mehr viel. Die Wapitis überquerten den wenig befahrenen Highway und verschwanden dann gegenüber im Wald. Boah, wat ne aufregende Nummer. Da kam auch der Fotograf wieder zum Vorschein. Er grinste. Wahrscheinlich hatte er ein gutes Foto geschossen. „Manchmal kommt er doch ein bisschen zu nah!“, rief er uns zu. Der Mann hatte Humor. Ich entgegnte ihm nur, dass wir es für besser hielten, den Weg freizumachen. Wir tauschten uns noch kurz etwas aus und er gab mir seine Karte. Werft gerne mal einen Blick auf seine Homepage, tolle Bilder: Wandering Man Photography.

Die Dämmerung war inzwischen weit fortgeschritten. Wir passierten die Campgroundeinfahrt und wurden plötzlich von der Dame am Eingang angesprochen. Ob wir denn den Bären gesehen hätten? WHAT!? Nee, was für’n Bär? Wir hatten genug mit den Wapitis zu tun. Zeitglich zu unserem Spaß mit den Wapitis hatte sich wohl ein Bär an der Campgroundeinfahrt rumgetrieben. Da er sich mit guten Worten nicht vertreiben ließ, mussten sogar Ranger anrücken, um ihn mit Gummigeschossen zurück in den Wald zu treiben. Das hatten wir alles nicht mitbekommen. Freunde, was war hier heute los!?
Bei der ganzen Aufregung hatten wir die Zeit natürlich vollkommen vergessen. Immer noch etwas aufgewühlt stiefelten wir zurück zu unserem Stellplatz. Darauf mussten wir uns erstmal einen Schluck genehmigen. Und natürlich mussten an Ort und Stelle auch die Fotos gesichtet werden, die ich von den Wapitis machen konnte. Wenig später brach die Müdigkeit über uns herein. Wer viel erlebt, darf auch früh schlafen: Gute Nacht, Jasper!


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