RAHMENVISIONEN

Andreas Kossmann Fotografie

Kanada 2017: Tag 16 – Ein Abenteuer (2/2)

Mit dem Ausflug zum sogenannten Teakerne Arm hatte also ein erstes Highlight auf unserer Tour mit Victor seinen festen Platz in unserem Reisetagebuch gefunden. Und es sollte wahrlich nicht das letzte bleiben.

Victor steuerte das Boot weiter durch die Inlets vor der Küste, um wenig später dem Motor erneut den Saft abzudrehen. Doch diesmal nicht, um uns von Bord zu schicken. Er holte seine Angel aus der Kabine. „Wir fangen jetzt Adlerfutter“. Natürlich, was auch sonst. Er präparierte seine Angel mit einem kleinen Köder und warf sie aus. So, wie lange würden wir jetzt wohl hier rumdümpeln und darauf warten, dass endlich ein Fisch anbeißt? Die ersten Versuche misslangen. Victor holte die Angel mehrfach erfolglos wieder ein und fuhr mit uns dann ein Stückchen weiter. Erneut machten wir Halt und der Schwimmer samt Köder ging wieder über Bord. Warten. Dann plötzlich zappelte etwas am Haken. Victor holte die Schnur ein. Langsam aber sicher kam im Wasser ein dunkler Schatten zum Vorschein. Der Fisch schien reglos, doch das gehörte wohl nur zu seiner Tarnung. Kurz bevor er an die Wasseroberfläche gezogen wurde, begann er hektisch zu zappeln, um dem Haken doch noch zu entkommen. Aber Victor war schneller und mit einem Ruck fand sich der Fisch in einem Eimer wieder. Er sah aus wie ein Urzeitfisch aus tiefsten Tiefen. Victor klärte uns auf: Ein Rockfish. Sein gezackter Kam sieht nicht nur gefährlich aus sondern ist es auch. Giftig ist der schuppige Kollege. Victor ließ ihn nicht lange leiden.

Dann fuhren wir mit dem Köder im Eimer ein Stückchen weiter die Inlets entlang. Schon auf der Fahrt bis zum Angelstopp hatten wir einige Weißkopfseeadler gesehen aber wir wussten immer noch nicht so genau, was Victor jetzt eigentlich vor hatte. Das sollten wir bald erfahren. Das Boot hielt. Victor schnappte sich den Eimer mit dem Fisch und pfiff kurz aber laut auf seinen Fingern. Alle Blicke waren gen Himmel gerichtet… Und tatsächlich erblickten wir kurz darauf die Silhouette eines Adlers am Himmel. Das Tier begann die üblichen Kreise zu ziehen. Unser Adlerflüsterer packte beherzt den Fisch und warf ihn im hohen Bogen über Bord ins Wasser. Mist! Genau in dem Moment hatte der Adler nicht hingesehen. Dachten wir… „Haltet die Kameras bereit und behaltet den Adler im Auge!“,  wurden wir von Victor instruiert. Gesagt, getan. Der Adler flog noch 1-2 Kreise und setzte dann unvermittelt zum Sturzflug an. Er hatte unseren ausgelegten Köder ins Visier genommen. Jetzt hieß es anvisieren und nicht mehr aus dem Sucher verlieren. Dann ging alles ganz schnell. Unsere Kameras ratterten los. Vereinzelte Bildersalven landeten auf den Speicherkarten während der Adler durch die Luft schoß. Zielgerichtet wie ein Pfeil. Dann machte er einen kleinen Bogen, flog parallel zur Wasseroberfläche und Bruchteile später krallte er sich den leblosen Fisch und schwang sich mit großen Flügelschlägen davon. Wow! Ein Adler auf Beutefang und das nur wenige Meter von uns entfernt. Ein weiteres tolles Erlebnis, dass uns ewig in Erinnerung bleiben wird.

Wir setzten unsere Fahrt fort. Victor gab wieder ordentlich Gas und so langsam bekamen wir alle etwas Hunger. Proviant hatten wir alle dabei aber so profan im Boot wollte Victor uns die Mittagspause nicht verbringen lassen. Natürlich nicht. Wir bogen in eine Bucht ein. Ein großer Bootsanleger war an Land erkennbar. Und ein Holzhaus. Nein, mehrere sogar. Victor legte an und wir gingen gemeinsam von Bord. „Das ist Shoal Bay.“, ließ uns Victor wissen. Wir hatten gerade den Anleger verlassen, da wurden wir auch schon in Empfang genommen. Mit einem dumpfen „WUFF!“ kam ein wuscheliger großer Hund auf uns zu. Er freute sich sichtlich über die neuen Besucher und wich uns die ganze Zeit über nicht mehr von der Seite. Auf der Terrasse des Hauses, dass einem Bekannten von Victor gehörte, machten wir dann ein kleines Picknick. Unsere Lunchpakete kamen zum Vorschein. Lange hielt es uns aber nicht auf den Bänken. Es galt noch ein paar Kolibris zu fotografieren, die wie wild die am Haus angebrachte Futterampel anflogen. Verdammt flink diese Biester.

Dann brachen wir wieder auf. Schnell wurde alle Sachen verpackt und wir begrüßten noch einen neuen Mitfahrer. Ab sofort begleitete uns Rainer. Wie Victor ein Auswanderer… aus Deutschland. Das Boot und wir kehrten der idyllischen Bucht langsam den Rücken. Während wir wieder die vorbeiziehenden Berge genossen, nahm Victor Kurs auf eine nahegelegene Schilf- und Grünfläche am Ufer. Unsere Auswanderer waren sich sicher, dass an dieser Stelle vor wenigen Tagen ein Grizzly-Bär gesichtet wurde. Allerdings leblos, scheinbar Opfer eines Kampfes unter Rivalen. Als wir uns der Stelle näherten nahm Victor an Fahrt zurück und wir dümpelten quasi an der Küstenlinie entlang. Immer mit Blick auf das nahe Ufer, in der Hoffnung etwas zu erblicken. Wir hörten nur die leichten Wellen, wie sie an die Bootswand platschten. Der Rest war Spannung. Aber es war nichts zu sehen. Nur jede Menge von dem grünen Schilf. Nach mehreren erfolglosen Turns wollte Victor dann langsam den Weg zurück nach Campbell River einschlagen. Ein letzter Blick… „DA! EIN BÄR!“

Meister Petz hatte sich wirklich gut versteckt. Aus unserer Entfernung war im ersten Moment nur ein brauner Fleck im Schilf zu erkennen. Erst mit Blick durch den Kamera-Sucher mit aufgesetztem Tele konnte man ihn genauer sehen. Ein junger Grizzly, der genüsslich und entspannt seiner veganen Mahlzeit nachkam. Jetzt wo wir ihn entdeckt hatten, konnten wir in aller Ruhe unsere Fotos schießen. Victor hielt das Boot immer so weit wie möglich am nahen Ufer. Auf Grund laufen wollte er natürlich nicht. Dann erhob sich unser Fotomodel, nahm eine kurze Abkühlung im Meer eher er wieder an Land ging und seines Weges trottete. Ein weiteres krasses Highlight, dass wir abends in unsere Tagebücher schreiben konnten.

Victor drehte das Boot weg vom Ufer und gab Gas Richtung Heimathafen. Wir checkten schon mal ein paar Fotos auf den Displays unserer Kameras. Hoffentlich waren ein paar gelungene Aufnahmen dabei….
Aber viel Zeit bekamen wir nicht für die Erfolgskontrolle. Ein Schwarm Möwen, der in einiger Entfernung auffällig dicht über dem Meer kreiste, wurde von unseren Wildlife-Kennern als sicheres Zeichen gedeutet. Zeichen wofür? Wale!
Wir sollten Ausschau halten. Gesagt getan, aber von der Reling aus hat man so wenig Überblick. Also rauf auf’s Dach. Wer als Kind auf Bäumen rumgekraxelt ist, der wird doch jetzt noch so’n kleines Bootsdach erklimmen können. Dani hielt meine Kamera und beobachtete etwas besorgt meiner Kletterei entlang der Kabinenwand. Das Schaukeln des Bootes machte die Sache nicht einfacher aber was tut man nicht alles für ein gutes Foto. Wenige Augenblick später nahm ich am Rand des Kabinendaches Platz, meine Kamera wieder entgegen und hielt Ausschau. Es dauerte nicht lange und am Horizont war eine typische Walfontäne zu sehen. Mehr konnte man noch nicht erkennen. Wenig später wieder eine, diesmal schon etwas näher und eine Rücken- und Schwanzflosse war beim Tauchvorgang zu beobachten. Es war einfach aufregend von einem Abenteuer ins nächste zu stürzen. Es waren offensichtlich 2 Exemplare, die da fast direkt auf uns zukamen. Trotz ihrer offensichtlichen behäbigen Fortbewegung musste man schnell sein mit der Kamera. Vorausahnen, wo sie wieder auftauchen würden, war nicht wirklich erfolgsversprechend. Dann lieber Lotto spielen. Also orientierte ich mich am Geräusch ihres Ausblasen beim Auftauchen, um dann schnell mit der Kamera in die gehörte Richtung zu schwenken. Ein paar Mal klappte es ganz gut. Dann waren sie auch so schnell wie sie gekommen waren wieder verschwunden bzw. tauchten erstmal nicht wieder auf. Egal, ein paar Fotos waren im Kasten und überhaupt eine weitere fantastische Erinnerung auf die Hirnfestplatte geschrieben.

Victor blickte nach unserer unverhofften Wal-Begegnung plötzlich etwas angespannt auf die Uhr. So spät war es doch noch gar nicht? Seiner Erklärung nach mussten wir bis zu einem sich nahenden Zeitpunkt an einer bestimmten Inlet-Stelle vorbei sein, da sich dort tageszeitabhängig große Gezeitenstrudel bilden. Diese könnten wohl auch seinem Boot im Zweifelsfall Probleme bereiten. Also volle Fahrt voraus… keine Zeit mehr verlieren. Wir näherten uns nach einiger Zeit der angesprochenen Stelle und beim Anblick der Strudel im Wasser musste Victor nichts weiter sagen. Er beorderte uns aber zur Sicherheit in die Kabine. Die nächsten Minuten waren wie eine Slalomfahrt. Die Strudel hatten teilweise mehrere Meter im Durchmesser. Victor bemühte sich das Boot sicher durch die Gefahrenstellen zu manövrieren aber hier und da kamen wir so einem Strudel dann doch etwas zu nahe. Das Boot wurde wie von Geisterhand zur Seite gezogen. Die Motorkraft reichte aber Gott sei Dank aus, um nicht vollends in den Sog zu geraten. Holprig wurde es aber allemal und außerhalb der Kabine hätte man wirklich ruckzuck den Halt verlieren können.

Nach ein paar Minuten war es überstanden und wir kamen wieder in ruhigere Gewässer. Schwein gehabt bzw. eine guten und erfahrenen Kapitän am Ruder. Wenig später war dann auch schon die Hafeneinfahrt von Campbell River zu sehen. So langsam konnten wir schon mal unsere Ausrüstung verpacken. Im Hafen angekommen stiegen wir mit einem breiten Grinsen im Gesicht von Bord. Was war das für ein geiler Tag!? Unser Dank galt natürlich Victor. Wir hatten ja vorher keine Vorstellung was uns erwarten würde und hatten eigentlich nur mit einem kleinen Bootsausflug gerechnet. Das es am Ende eine 6-stündige Abenteuertour werden sollte… im Leben hatten wir damit nicht gerechnet. Solche Abenteuer machen hungrig. Nach einer herzlichen Verabschiedung von allen steuerten wir vom Parkplatz aus sofort das nächste Restaurant an. Im „White Spot“ bekamen wir noch einen Platz im Außenbereich. Uns war ob der vielen aufregenden Geschehnisse der vergangenen Stunden richtig wirr im Kopf. Man wusste gar nicht so recht worüber man zuerst sprechen sollte.

Die Nachbereitung dieses spannenden Tages dauerte auf jeden Fall auch noch die Rückfahrt nach Comox über an und wurde dann auf der Terrasse bei einem Absacker fortgesetzt. Solche Tage dürften eigentlich nie zu Ende gehen. Aber irgendwann überkam uns dann doch die Müdigkeit und wir verkrümelten uns ins Schlafgemach. Das Grinsen war aber immer noch da. Gute Nacht, Comox!

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